Die anglophone Welt
Einführung: Intellektuelle in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts
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Die beiden Beiträge in dieser Sektion behandeln die Rolle von Intellektuellen in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Beiträge diskutieren den Transfer und die Übersetzung politischer Ideen und Formen der politischen Öffentlichkeit aus Großbritannien in die sogenannte "Anglosphere".
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Aufgrund des weitgehenden Bevölkerungsaustauschs werden insbesondere die USA, Kanada, Australien und Neuseeland auch als neo-europäische Gesellschaften bezeichnet.
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Zur Sondierung dieser Fragen werden in dieser Sektion zwei sehr unterschiedliche Beispiele englischer Siedlungskolonien diskutiert: die 1776 unabhängig gewordenen nordamerikanischen Siedlungskolonien und die ab 1800 zunehmend in das politische Interesse Londons rückenden Kolonien im Pazifik: New South Wales und Tasmanien. Dabei muss an dieser Stelle in caveat formuliert werden. Die genannten Forschungsfragen können selbstverständlich im Rahmen von zwei exemplarischen Sondierungen nicht alle behandelt oder gar beantwortet werden. Ich nenne sie hier dennoch, um das breite Feld an möglichen zukünftigen Forschungen zum Thema "Intellektuelle in der Anglosphere" zu umreißen. Damit zurück zu unseren beiden Fallbeispielen.
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Der historische Kontext der amerikanischen Besiedlungsgeschichte und der Amerikanischen Revolution und Unabhängigkeit ist weitgehend bekannt und muss im Rahmen dieser Einleitung nicht rekonstruiert werden.
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Politisch und sozial behandeln wir mit den Vereinigten Staaten von Amerika und Tasmanien zwei sehr ungleiche Fälle, die hinsichtlich der Frage nach der Bedeutung von Intellektuellen und der Formierung einer Öffentlichkeit als Beispiel für die ausgesprochene 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen' innerhalb der sich über Kolonialismus und Imperialismus etablierenden "Anglosphere" der Sattelzeit herangezogen werden können. Während sich aufgrund der spezifischen Besiedlungsgeschichte der Nordamerika-Kolonien – königliche "Charters" für Handelskompanien und Eigentümer, die damit im Auftrag der britischen Krone aber doch relativ unabhängig und autonom den Besiedlungsprozess steuerten und vor Ort Governance-Funktionen übernahmen – bereits im späten 17. Jahrhundert eine politische und ökonomische Elite etablierte, dominierten in Tasmanien Soldaten und Beamte zusammen mit Missionaren das gesellschaftliche und politische Leben. In Nordamerika versuchten die Siedler gesellschaftliche und politische Utopien zu realisieren und neue politische Formen der Selbstverwaltung zu etablieren. In Tasmanien musste das Zusammenleben in einer vornehmlich männlich geprägten Sträflingsgesellschaft organisiert werden. Damit standen inhaltlich zwei große Themen im Raum, die die 'intellektuelle' bzw. öffentliche Diskussion in den britischen Nordamerikakolonien und der Sträflingskolonie Tasmanien prägten: die Etablierung aufgeklärter politischer Systeme – Republikanismus und Demokratie – und die Sicherung eines menschwürdigen Umgangs mit Strafgefangenen im Kontext der aufgeklärten und von englischen Philanthropen angestoßenen Debatten um Gefängnisreform.
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Am Beispiel von Thomas Jefferson, der hauptsächliche Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und einer der einflussreichsten Staatstheoretiker der USA, der von 1801 bis 1809 als dritter Präsident der Vereinigten Staaten die Frühgeschichte der unabhängigen Republik maßgeblich mitgestaltete, und Alexander Maconochie, Gründer und erster Sekretär der "Royal Geographical Society", erster Professor für Geographie am "University College London" und Pionier der Gefängnisreformbewegung in Großbritannien, beleuchten die beiden Beiträge die Wirkung von Intellektuellen in den Vereinigten Staaten und Großbritannien / Tasmanien. Dabei wird einerseits gezeigt, dass sich in den unabhängigen Vereinigten Staaten über die bereits zur Kolonialzeit herausgebildete politische und intellektuelle Elite eine eigene politisch-philosophische und intellektuelle Tradition etablierte, für die Jefferson als Politiker-Intellektueller exemplarisch steht. Andererseits wird auf den engen Zusammenhang zwischen religiösem und politischem Diskurs, die Bedeutung von wissenschaftlich-intellektuellen Traditionen, Philanthropie und Zivilisierungsmission im Kontext des "British Empire" hingewiesen. Missionare waren die häufig nicht unumstrittene Verkörperung des englischen Liberalismus und galten als Träger und Protagonisten der englischen Zivilisierungsmission.
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Der tasmanische Fall macht dabei auch auf die enge Verflechtung zwischen kolonialem Diskurs und der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit in London aufmerksam. Seit dem Pariser Frieden von 1763 war Großbritannien nicht nur mit den Unabhängigkeitsbestrebungen in den 13 nordamerikanischen Kolonien konfrontiert. Die Zeit um 1800 war auch in Großbritannien selbst eine Zeit radikalen sozialen und wirtschaftlichen Umbruchs. Großbritannien hatte sich von einem agrarisch geprägten vorindustriellen Land zur führenden Industrie- und Handelsnation entwickelt. Die Umwälzung von agrarisch und handwerklich bestimmten Lebens- und Erwerbsformen zur Industriegesellschaft und -wirtschaft nahm im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Großbritannien ihren Anfang und erfasste innerhalb weniger Jahrzehnte die ganze Welt. Das demographische Wachstum, das die sozio-ökonomischen Wandlungsprozesse im Kontext der Industriellen Revolution begleitete, beförderte die britische Übersee-Expansion. Die neuen Kolonien in Ozeanien, New South Wales, Van-Diemens-Land und später Neuseeland dienten auch als Ventil für die sozialen Probleme, die das Bevölkerungswachstum zu Hause mit sich brachte. Gefangenendeportation und Zwangsmigration von verarmten Bevölkerungsteilen sollten Politik und Gesellschaft im Mutterland entlasten.
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Der britische Kolonialismus war allerdings nicht der einzige Grund, warum trotz des radikalen Wandels, der sich auch in der Entwicklung eines politischen Radikalismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts niederschlug, die gesellschaftspolitische Situation in Großbritannien relativ stabil blieb. Es kam hier – wie wir wissen – weder zu einer 'Revolution von unten' wie in Frankreich noch zu einer 'Revolution von oben' wie in Preußen-Deutschland. Ausschlaggebend für die Stabilität Großbritanniens waren letztlich die flexiblen Anpassungsstrategien, mit denen die Adelsgesellschaft auf die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Industriellen Revolution reagierte. Als Verkörperung des 'alten' England erwies sich der Adel als Stabilitätsanker im sozialen Kräftefeld. Alexis de Tocqueville beschrieb das England der 1830er Jahre im Kontrast zu den USA, wo man das Muster einer Demokratie studieren könne, als Beispiel einer funktionierenden Aristokratie.
Anmerkungen
Empfohlene Zitierweise:
Lehmkuhl, Ursula, Einführung: Intellektuelle in der anglophonen Welt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in: Gersmann, Gudrun / Jaeger, Friedrich / Rohrschneider, Michael (Hrsg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit, DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00002, Publikationsumgebung mapublishing (2016), URL: hier Seiten-URL einfügen (zuletzt abgerufen am: Abrufdatum einfügen), ggf. für die stellengenaue Zitation „Abs.“ und Absatz-Nr. einfügen.
