James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien
Einleitung
<1>
Am 20. Mai 1837 versandte Alexander Maconochie einen Bericht über die Situation des Strafvollzugs an John Franklin, den Lieutenant-Governor der Kolonie Van-Diemens-Land. In seinem Schreiben formulierte er eine scharfe Kritik des damaligen Strafsystems: "[O]ur Penal Settlements, as at present managed, […] punish with inordinate severity, yet do not sufficiently appear […] to punish at all." Gleichzeitig werde das zentrale Ziel, die moralisch-ethische Reform der Kriminellen verfehlt: "[T]he great majority of Convicts do not, however, reform under the existing Convict arrangements […] they are deteriorated by it."
<2>
Was als "fact finding mission" für den frisch ins Amt gekommenen Franklin begann, geriet zu einem Politikum, als Maconochie auf Anregung der "Society for the Improvement of Prison Discipline" seine Beobachtungen in dem oben genannten Text festhielt. Franklin leitete den Bericht seines Privatsekretärs an seine Vorgesetzten im "Colonial Office" weiter, welche wiederum das Innenministerium informierten. Maconochies "Report on Convict Discipline" wurde zu einem wesentlichen Bestandteil der Unterlagen, die dem sogenannten "Molesworth Committee" vorlagen, einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der zwischen November 1837 und August 1838 über Gegenwart und Zukunft der Deportation von Sträflingen debattierte.
<3>
Maconochie war mit seiner Kritik am existierenden Strafsystem nicht allein. So hatten bereits 1834 zwei Geistliche, James Backhouse und George Washington Walker, einen Bericht über den tasmanischen Strafvollzug verfasst. Die beiden Quäker hatten als "travellers under concern" zwischen 1832 und 1837 Van-Diemens-Land besucht und dort ebenfalls die Situation der Strafgefangenen sowie das Strafsystem eruiert und kritisch reflektiert. Maconochie, Backhouse und Walker standen in direktem Austausch miteinander. Es war daher für den Reformer umso überraschender, dass er nicht nur von Seiten der kolonialen Eliten, sondern auch von einem der prominenten Mitglieder der tasmanischen Quäkergemeinde, Francis Cotton, für seine Gedanken zur "Prison Discipline" scharf angegangen wurde. Cottons Ansicht nach handelte es sich um eine ungerechtfertigte Aneignung und Politisierung der Schriften seiner Glaubensbrüder, die Fragen der Moral und der Ethik und nicht etwa eine politische Agenda verfolgten. Maconochie erwiderte demgegenüber, dass Backhouse und Walker die Frage der "Convict Discipline" zwar als "Moral, Religious, and Scientific one" und nicht als eine politische behandelt hätten, dass aber in jeder politischen eine moralische Frage stecke, so dass "the difference between them is rather on the way in which they are distinguished". Viele berühmte Mitglieder der "Society of Friends" seien sich dieser Verknüpfung sehr bewusst. Als Beispiele hierfür nannte Maconochie unter anderem William Penn, der sich für die Rechte der Indigenen Nordamerikas eingesetzt hatte, und William Allen, einen der zentralen Aktivisten der britischen Abolitionsbewegung. "Convict Management", so argumentierte der Reformer, sei lediglich das aktuellste Beispiel hierfür.
<4>
Wie Cottons Intervention zeigt, waren in der Debatte um die Reform des Strafvollzugs der 1830er und 1840er Jahre nicht nur die Inhalte kontrovers. Umstritten war auch, wer mit welcher Motivation an dieser Debatte teilnahm und welche Ziele dabei verfolgt wurden. War eine Kritik des Strafwesens eine religiös-moralische oder eine politische Frage? Waren Beiträge zur Reformdebatte genuin privat oder öffentlich? Francis Cotton hatte dazu eine klare Meinung. Wie verstanden die beteiligten Reformer selbst ihre Rolle in dieser Debatte?
<5>
Im Folgenden möchte ich anhand der Analyse einiger exemplarisch ausgewählter Schriften, Briefe und Pamphlete eine Antwort auf diese Frage skizzieren. Backhouse und Walker, so werden meine Untersuchungen zeigen, bewegten sich im Spannungsfeld von quäkertypischer Innerlichkeit einerseits und evangelikal-humanitärer Reform andererseits. Sie waren Teil einer Gruppe philanthropischer Reformer/innen, welche ein spezifisch intellektuelles Milieu formten, in dem Religion und Politik keinen Widerspruch bildeten. Zu diesem Zweck werde ich zunächst eine doppelte Kontextualisierung vornehmen. Ich werde erstens das soziale und religiöse Gefüge der beiden Quäker-Geistlichen beleuchten. Danach werde ich die Situation in der Sträflingskolonie Van-Diemens-Land und damit den sozialen und politischen Kontext skizzieren, in dem Maconochie, Backhouse, Walker sowie ihr Glaubensbruder Cotton agierten. In einem dritten Schritt rekonstruiere ich Backhouse' und Walkers Rolle als Mitglieder eines imperialen philanthropischen Netzwerkes. Abschließend werde ich mit Blick auf die Ergebnisse meiner hier vorgelegten Analyse die Rolle der beiden Geistlichen als "Protagonist[en] der Öffentlichkeit" diskutieren.
<6>
Meine schlaglichtartige Untersuchung der Debatte um die Reform des britischen Strafvollzugs zu Beginn der 19. Jahrhunderts wird demonstrieren, dass erstens nicht nur literarische Zirkel, sondern auch religiös motivierte Organisationen und Netzwerke (in denen von der offiziellen Politik ausgeschlossene Gruppen wie Frauen und Quäker agierten) als Träger/innen einer bürgerlichen Öffentlichkeit in den Blick genommen werden müssen. Dabei müssen zweitens, zusätzlich zu der etablierten Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, weitere zeitgenössische Kategorien hinzugezogen werden, namentlich die Opposition von moralisch und politisch. Drittens gilt es die Rolle der Expertin oder des Experten in der öffentlichen Debatte eingehender zu untersuchen und dabei den Blick über die Gruppe der akademischen oder literarischen Intellektuellen hinaus auf Mitglieder religiöser Netzwerke zu richten.
Anmerkungen
Empfohlene Zitierweise
Eva Bischoff, James Backhouse und George Washington Walker als Protagonisten der öffentlichen Debatte um die Reform des Strafvollzugs im kolonialen Australien? (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00002/6), aus: Gudrun Gersmann, Friedrich Jaeger, Michael Rohrschneider (Hg.), Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit (DOI: https://dx.doi.org/10.18716/map/00002), in: mapublishing, 2016, Seitentitel: Einleitung (Datum des letzten Besuchs).